CHURCHILLS VERDIENST

Gastbeitrag von Rolf Preil

Was war die Ursache für die Schwäche des Sozialismus?
Von Peter Hacks

siehe

Junge Welt Titel

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Im Fragebogen des untergegangenen FAZ-Magazins antworteten die meisten Prominenten, Halb- und Viertelprominenten auf die Frage »Welche geschichtlichen Gestalten verabscheuen Sie am meisten?« mit Hitler und Stalin. Eine hochmoralisch gemeinte Antwort als vorhersehbare hohle Geste, die sich als eine Art Running Gag durch alle möglichen Lach- und Sachgeschichten zieht, die das Bürgertum als sogenannte Debatten serviert. Aktuell läßt sich das an den Rezensionen des nun auf deutsch erschienenen Romans »Europe Central« von William T. Vollmann ablesen. Zur historisch-materialistischen Erquickung drucken wir einen leicht gekürzten, unveröffentlichten Text aus dem Nachlaß(alte Schreibweise ist hier übernommen worden) von Peter Hacks, geschrieben am 1.1.1991, mit freundlicher Genehmigung des Eulenspiegel Verlags. (jW)

 

 

Über die Niedergangsepoche von 1970 bis 1990 gibt es nichts und kann es nichts geben. Es war die Epoche der globalen Verabredung; natürlich hat in ihr keine Seite das Schweigen der anderen gebrochen.

Es bleibt schon dabei: das Eigentliche muß man sich aus den Pfoten saugen.

Das Generalthema und die Epochenüberschrift, richtig, heißt: Opportunismus. Gorbatschow, richtig, ist ein anderer Breshnew; Breshnew bereits hat auf die Fähigkeit des Sozialismus, produktiv (und produktiver als der Imperialismus) zu sein, verzichtet; was Gorbatschow über Breshnew hinaus nur noch preisgegeben hat, ist die Macht, ohne zu produzieren fortzudauern. Opportunistisch, richtig, ist jede Abweichung vom Stalinismus und von Ulbrichts aufgeklärtem Stalinismus, sei es die Abweichung nach rechts oder nach links oder nach rechts und links zugleich.

(Der sogenannte Dogmatism war kein linker Opportunismus, sondern einfach historisch nötig. Linker Opportunismus, das sind der Maoismus und Honeckers Euromaoismus: Gleichmacherei also und Wissenschafts- und Kulturfeindlichkeit im Namen des Apparats und des rückständigsten Teils der Arbeiterklasse. Denn das sind die Hauptformen des Verzichts auf Erzeugung. Das genaue Gegenteil von beidem ist, was Stalin, wie dogmatisch immer, tat).

Der nachleninsche Opportunismus ist nicht mehr das Ablassen von der Revolution innen, die ja gemacht ist. Er ist das Ablassen vom Endziel Weltrevolution außen (richtig: die Entspannung) und innen: das Ablassen von den Maßnahmen, deren der Sozialismus, um zu gedeihen, bedarf. Vor allem also, richtig, von der vermittelnden Rolle des Staats über der Apparat- und der Spezialisten-Klasse und, richtig, dem sozialistischen Weltmarkt.

Das sind die Tatsachen. Was ist die Ursache? besser: die Hauptursache? Die eigentliche theoretische Frage heute ist: Welche Schwäche bewog den Sozialismus, den Entspannungsschwindel zu akzeptieren?

Man will uns einreden, die Schwäche des Sozialismus sei eine sytemimmanente ökonomische Schwäche gewesen. Es ist vollkommen klar, daß es die Opportunisten sind, die uns das einreden wollen.

Ich glaube, der Imperialismus hat uns nicht vermöge von wirtschaftlicher Macht besiegt, sondern vermöge von militärischer. Aus dem militärischen Sieg des Imperialismus folgten die Verzerrungen des Sozialismus, – zunächst die gesellschaftlichen und dann aus denen erst die ökonomischen. Und der Zeitpunkt des militärischen Siegs des Imperialismus, glaube ich, war der 2. Weltkrieg. Die SU, glaube ich, hat den Weltkrieg verloren. Nicht erst heute, will ich sagen. Schon damals.

Das Verdienst an dieser Niederlage hat Churchill. Churchill war der begabteste Schurke unserer Zeit. Er nutzte den Umstand aus, daß die SU gezwungen war, sich mit ihm zu verbünden, (gezwungen aus dem einzigen Grund, daß es ihm jederzeit freigestanden hätte, andernfalls mit Hitler zu koalieren), und er sorgte mit seinem fabelhaften politischen Geschick nicht nur vor und nach dem Krieg, sondern besonders während des Krieges, daß alles zum Schaden seines russischen Verbündeten ablief. Er sorgte nicht nur für den größtmöglichen Verschleiß von russischen Produktionsstätten und russischen Leuten. Er sorgte auch und zumal für die Einführung des Opportunismus.

Wenn bestimmte Grundsätze des Opportunismus schon unter Stalin Doktrin wurden, geschah es einfach auf Befehl Churchills. Die Einmottung der Marxschen Wissenschaft erfolgte nicht, wie man sagt, mit Rücksicht auf die russischen Bauern. Die Wiederbelebung der Pfaffen, die Einführung des Modernismus in den Künsten, alles das fand statt, weil Churchill es wollte. – Eins der aufschlußreichsten Bücher über diese besondere Erpressungssituation sind Schostakowitschs Memoiren.

Stalins Anstrengung, nach dem Sieg die Churchillschen Pflanzungen wieder zu roden, blieb erfolglos. Das Unkraut hatte tiefe Wurzeln geschlagen. Und die Kräfte, die rodeten, waren nicht die erfreulichsten.

Die Klassenkämpfe im Sozialismus, sagt Lenin, sind von vornherein deformiert: dadurch, daß hinter jedem windigen Kleinbürger immer gleich der ganze Weltimperialismus steht. Insofern ist das Ganze natürlich eine Sozialismus-in-einem-Land-Geschichte. Stalins Apparat war dauernd damit beschäftigt, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, was die Zielgenauigkeit nicht erhöht. Man nimmt auch hierfür nicht die Feinfühligsten. So verselbständigte sich der Apparat und verlor die Fähigkeit, sich und die Welt zu verändern. Er hatte zum Schluß die Gabe nicht mehr, Ulbrichts Lösungsangebot zu kapieren, geschweige akzeptieren. Festzuhalten ist: der Opportunismus im Sozialismus wurde durchgeführt in der Gesellschaftsform einer Apparatdiktatur.

Sofort nach Stalin gab die KPdSU im Grunde auf und wurde opportunistisch, in ihren Taten und leider in ihrer Theorie. Sicher war Chruschtschow auf eine Art noch Kommunist, aber auf eine, höflich gesagt, ambivalente. Immerhin hat er den Antistalinismus, den friedlichen Übergang zum Sozialismus und das literarische Tauwetter auf dem Kerbholz.

Als dann auf das potentielle englisch-hitleristische Bündnis das potentielle (und ja nicht ganz unakute) amerikanisch-chinesische Bündnis folgte und die SU mit dem physischen Untergang bedrohte, fiel ihr nichts mehr ein und machte sie sich an ihre Unterwerfung und an die Unterwerfung ihrer Satelliten gleich mit.

 

 

JAHRHUNDERTMONSTER

Wer war der, der vom meisten Blute troff?
Wars Churchill, Hitler oder Gorbatschow?

siehe auch den Gastbeitrag(Gegenrede) von Dernier Cri

4 Gedanken zu “CHURCHILLS VERDIENST

  1. Daß „bestimmte Grundsätze des Opportunismus schon unter Stalin Doktrin wurden“, ist mir neu. Welche sollen denn das gewesen sein? Und wo, bitte, in der Sowjetunion, oder wo? Hatte Churchill einen solchen langen Arm, daß er bis dorthin reichte?

    Der Opportunismus ist eine bürgerliche Strömung in der Arbeiterbewegung. Davon können wir ja heute ein Lied singen. Spätestens mit der Schaffung der Arbeiteraristokratie in den kap. Ländern wurde der Opportunismus auch in weiten Kreisen der Gewerkschaften „salonfähig“. Das führte letztlich zum Erlahmen des revolutionären Potentials der Arbeiterklasse. Heftigen Streit gab es darüber bereits in den Parteien der II.Internationale, Die Bolschewiki unter Leitung Lenin vollzogen als erste den harten Bruch mit den Kräften des Oportunismus und Revisionismus und schufen eine Partei neuen Typs. (Siehe: https://sascha313.wordpress.com/2014/01/22/die-grundung-einer-leninschen-partei-neuen-typs-auf-der-vi-prager-konferenz-im-jahre-1912/ )

    „Die grundlegende Idee des Oportunismus“, schreibt Lenin etwa 1915, „ist das Bündnis oder die Annäherung (zuweilen Verabredung, Blockbildung usw.) zwischen der Bourgeoisie und ihrem Antipoden.“ (Lenin, „Unter fremder Flagge“, LW, Bd.21, S.143).

    Und daß „Stalins Apparat“ (wieso eigentlich Stalin’s?) „mit Kanonen auf Spatzen zu schießen“ versuchte, ist völlig unklar. Hatten doch die Bolschewiki in den ersten Jahren der Sowjetmacht keineswegs einen derart wuchtigen Gewaltapparat zur Verfügung (so mußte man anfangs auf etwa 10.000 Einwohner einen Partei- oder Staatsfunktionär rechnen. Das ist sehr wenig.) Und die Macht der Kulaken, der Interventionskräfte und der Anhänger des Zarismus war keineswegs – einem Spatzen gleich – derart harmlos, daß es sich nicht gelohnt hätte, die „Kanone“ zu laden.

    Ferner: Es ist ein Irrtum anzunehmen, Chruschtschow sei „auf eine Art noch Kommunist“ gewesen. Wenn man die Biografie und das Verhalten Chruschtschows verfolgt, und sein Auftreten vor und nach der Ermordung Stalins (insbesondere nach dem XX.Parteitag der KPdSU) in Betracht zieht, so wird sofort klar, daß mit Chruschtschow ein Trotzkist, ein Antikommunist an die Spitze der KPdSU gelangt war. Zu dieser Schlußfolgerung kommt übrigen auch Dr. Kurt Gossweiler. (siehe: https://sascha313.wordpress.com/2017/03/27/kurt-gossweiler-die-existenzfrage-der-kommunistischen-bewegung/ )

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo 0800,
      ich gebe Dir folgende Literaturempfehlung.

      Bei „Offensiv“ kannst Du fündig werden.Sieh folgenden Link: http://www.offen-siv.net
      Die Bücher „Unter Feuer- Die Konterrevolution in der DDR“ und „Niederlagenanalyse – Die Ursachen für den Sieg der Konterrevolution in Europa“ können auf der Website als PDF-Datei heruntergeladen oder in Buchform bestellt werden. „Offensiv“ empfiehlt noch andere Schriften, die lesenswert sind.

      Noch ein wichtiges Buch ist „Antisozialistische Strategien im Zeitalter der Systemauseinandersetzung“ von Sahra Wagenknecht.
      https://www.sahra-wagenknecht.de/de/article/146.antisozialistische-strategien-im-zeitalter-der-systemauseinandersetzung.html
      Dieses Buch kann man in Antiquariaten preiswert erwerben. Es kam 1994 heraus.

      Ich hoffe, dass ich Dir helfen konnte.

      Viele Grüße

      prkreuznach

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